Situation der Frauen im Tur Abdin und in Syrien

Anlässlich des Internationalen Frauentags und den gegenwärtigen Begebenheiten in Syrien und seinen Nachbarsländern lud die Assyrische Frauengruppe des Mesopotamien Verein e.V. am 3. März 2013 in Kooperation mit der Arbeitsgemeinschaft Augsburger Frauen und dem Integrationsbeirat der Stadt zu einem Vortrag ein. Rund 70 Frauen nahmen teil und waren von den Darstellungen von Janet Abraham, Mitglied der Solidaritätsgruppe Tur Abdin und Nordirak sichtlich betroffen.

Sie berichtete von der Lage der Frauen vor den Unruhen – von zwei Nachbarländern, die die Frauen völlig unterschiedlich behandelten und erzählte vom Alltag der Menschen in Syrien heute. So war es in der offenen Gesprächsrunde sehr schwer, sich bei einem derart politischen Thema ausschließlich auf die Situation der Frauen zu konzentrieren. Denn während in Deutschland die – durchaus ernstzunehmende – Diskussion über Sexismus, Quoten in Chefetagen und falsche Schönheitsideale bereits wieder abflaut, stehen nicht nur für Frauen und Mädchen im Nahen Osten ganz andere, deutlich existenziellere Fragen auf der Tagesordnung.

Entsprechend der geographischen Situation war der Vortrag inhaltlich in zwei Teile aufgeteilt. Denn nicht nur geographisch, auch hinsichtlich der Möglichkeiten für Frauen unterschieden sich Tur Abdin und Syrien, wenngleich nur einige Kilometer voneinander entfernt, immens: Während in Syrien bis vor Beginn der Unruhen die unterschiedlichen Religionen, denen die Bevölkerung angehört, akzeptiert wurden und Bildung im Allgemeinen hoch angesehen war und ist, sei die Lage der Frauen – vornehmlich der christlichen – im Tur Abdin besonders prekär. Dies hänge insbesondere zusammen mit der mangelhaften Möglichkeit für junge Mädchen, an Bildung heranzukommen. Insgesamt sei diese in den Augen der ländlichen Bevölkerung nämlich Männersache, zudem werden selbst in bildungswilligen Familien die Mädchen nach Beendigung der Schulpflicht lieber zu Hause gelassen, um sexuelle Belästigungen oder gar Vergewaltigungen gar nicht erst zu ermöglichen. Das Potenzial
der Frauen bleibe somit liegen. Gleichzeitig sind es  die Mütter, die sich gegen Bildung aussprechen – aus Angst um ihre Töchter. Dadurch unterstützen sie die patriarchalen Strukturen. Ein Teufelskreis.

Ganz anders sah es nur einige Kilometer südlich aus: In Syrien war Bildung, gleich welchen
Geschlechts, ein hohes Gut. Selbstbewusste, gebildete Frauen waren selbstverständlicher Teil der Gesellschaft. Sie waren es, denn: Nichts ist mehr, wie es einmal war. Strom- und Gasausfälle stehen auf der Tagesordnung. Zudem herrschte auch in Syrien ein ungewohnt kalter und langer Winter, die Nahrungspreise explodieren. Frauen, Männer und Kinder – sie alle stehen vor dem Existenzminimum. Aber wie so oft sind es Frauen und Mädchen, die der Krieg am stärksten trifft. Die ehemals starke Frauenbewegung in Syrien wird von radikalen islamistischen Gruppen nach und nach, ähnlich wie während den Revolutionen im Iran oder in Ägypten, zurückgedrängt. Frauen, die sich in der Öffentlichkeit zu frei zeigen, werden Opfer von sexuellen Übergriffen. Sie sollen sich wieder in die Häuser zurückziehen, keusch sein. Sie gehören nach Vorstellungen der Radikalen nicht auf die Straße, sollen wieder dem traditionellen Rollenbild entsprechen. Gleichzeitig – und das zeigt immer wieder die Paradoxität solcher Forderungen – floriert der Handel mit Frauen in Zeiten der Armut.

Die Möglichkeiten, so resümierten die Anwesenden, die Frauen von Europa aus unmittelbar zu
helfen, seien sehr begrenzt. Dennoch stellte man fest, dass die Weiterleitung von Informationen über die Lage der Frauen in anderen Ländern von großer Bedeutung ist, um den Frauen im Tur Abdin, in Syrien und in der ganzen Welt eine Stimme zu geben.

Interkulturell/ Interreligiös, Netzwerk, PolitikPermalink

Comments are closed.